Nähe und Distanz in der Arbeitswelt

Im diesem ungewöhnlichen Jahr 2020 sind die Themen Nähe und Distanz in der Arbeitswelt ungewollt in den Fokus gerückt. Das Thema Homeoffice als Arbeit auf Distanz wurde und wird in zahlreichen Abhandlungen intensiv und zur Genüge diskutiert und soll an dieser Stelle nicht noch einmal aufgegriffen werden. Vielmehr wird dieser Blog-Beitrag den Aspekt der Distanz in der analogen Arbeitswelt in den Blick nehmen.

Gegenwärtig verändern die Abstandsregeln die zwischenmenschliche Kommunikation und das soziale Leben erheblich. Um die Pandemie einzudämmen wird u.a. ein körperlicher Abstand von 1,50 m empfohlen. Dies ist eine Distanz, die auch psychologische Auswirkungen hat und damit ein Anlass, um sich die Erkenntnisse der Psychologie näher anzuschauen und sie auf die Arbeitswelt zu übertragen.

Wie sich die gelebte Distanz auf die Atmosphäre am Arbeitsplatz, auf die kollegiale Kommunikation oder auf die Arbeitsleistung auswirken, hängt zwar maßgeblich von der jeweiligen Persönlichkeit ab. (So suchen extrovertierte Menschen eher die Nähe, während Introvertierte eine größere Distanz benötigen – sozusagen als Schutzraum um sich herum.) Auch die Geschlechterzugehörigkeit, die kulturelle Prägung und die Hierachiezugehörigkeit der Kommunizierenden beeinflussen das individuelle Erleben von Nähe oder Distanz. Unabhängig davon gibt es  aber in diesem Zusammenhang gemeinsame Erfahrungswerte und psychologische Effekte:

Die Distanzzonen

Die Psychologie kennt verschiedene Distanzzonen mit unterschiedlicher zwischenmenschlicher Funktion und Wirkung:

Die sogenannte gesellschaftliche oder soziale Distanzzone beträgt zwischen eineinhalb und drei Metern und ist in öffentlichen bzw. unpersönlichen Situationen zu beobachten. In dieser Zone sind körperliche Berührungen ausgeschlossen, aber Gespräche sind noch gut möglich. Sie ist typisch für offizielle Zusammenkünfte wie Konferenzen oder Tagungen. Wer diese Distanz eigenmächtig verringert und dadurch eine größere körperliche Nähe schafft, dringt in eine nächste – persönlichere – Distanzzone ein .

Findet eine Kommunikation innerhalb der sogenannten persönlichen Distanzzone zwischen etwa einem halben Meter und 120 cm statt, dann drückt sich damit gegenseitige Sympathie und persönlicher Nähe aus. Je mehr Nähe zugelassen wird, desto vertrauter sind sich die Kommunizierenden. Interessant ist dabei, dass frontale und seitliche Distanz unterschiedlich wahrgenommen werden – seitlich wird in der Regel eine größere Nähe zugelassen.

Die dritte Distanzzone ist die Intimzone, die eine Reichweite von null bis zu einem halben Meter hat und somit auch direkte Berührungen ermöglicht. Wer unerwünscht in diese Zone eindringt, wirkt übergriffig, löst unangenehme Gefühle und im schlimmsten Fall auch Aggressionen aus. Diese Zone ist engen Freunden, Partnern oder Partnerinnen und Familienangehörigen vorbehalten, sie sollte – ganz unabhängig von den aktuell geltenden Abstandsregeln – am Arbeitsplatz besser keine Rolle spielen. Freundlich gemeinte Wangenküsse zur Begrüßung zwischen ArbeitskollegInnen z.B. signalisieren Außenstehenden durch die sichtbare Intimität nicht selten eine Ausgrenzung oder gar ein unprofessionelles Arbeits- oder Teamverständnis.

Veränderte Kommunikation

Im beruflichen Umfeld gilt die persönliche Distanzzone als Normalfall. In dieser Zone dulden Gesprächspartner einander, ohne sich bedrängt zu fühlen. Nun ist der Normalfall  aber durch die Pandemiesituation außer Kraft gesetzt. Die Kommunikation verlagert sich derzeit in die soziale Distanzzone. Das führt dazu, dass Situationen von den Beteiligten als befremdend und unauthentisch wahrgenommen werden. Die Körpersprache passt sich der neuen Situation an. Das kann Irritationen auslösen. Wer sich z.B. nach einer längeren Phase des Homeoffice wieder am Arbeitsplatz einfindet und sich erfreut und spontan einer lange nicht begrüßten Person nähert, erhält als Reaktion nicht selten ein Zurückweichen oder gar eine Zurückweisung. Oder bei der ersten Präsenzsitzung rückt der ansonsten umgängliche Kollege einen Stuhl weiter, wenn sich seine Kollegin neben ihn setzt. Solche Situationen sind gewöhnungsbedürftig.

Auf der andere Seite wird durch die Abstandsregel ein unerwünschtes Eindringen in die persönliche Intimzone vermieden. Sie hat im öffentlichen Raum und am Arbeitsplatz somit auch einen positiven Nebeneffekt: Missachtung des Distanzbedürfnisses, Schutzraumverletzungen oder übergriffiges Verhalten dürften – zumindest auf körperlicher Ebene – seltener vorkommen bzw. Betroffene können sich solchen Situationen leichter entziehen bzw. sich offensiver dagegen verwehren. Eine Person, die sich z.B. früher häufiger durch zu große körperliche Nähe einer anderen Person unwohl fühlte, es aber nicht wagte, ihr ungutes Gefühl zu äußern bzw. die ihr unangenehme Situation proaktiv zu beenden, braucht sich nun nicht mehr zu rechtfertigen, wenn sie auf Abstand besteht. Vielleicht hat das ja einen nachhaltigen positiven Effekt auch über die Zeit der Pandemie hinaus.

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